Ausblick

Vergangenheit, Zukunft, Karriere, Chancen – hier findet ihr perspektivische Betrachtungen zur Berliner Industrie-, Forschungs- und Ausbildungslandschaft.

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Interview: „Gemeinsame Lösungswege ausloten“

Seit Ende September gibt es in Berlin-Marienfelde das Global Technical Learning Center von GE. Auf insgesamt 2.500 Quadratmetern Fläche sollen hier – in unmittelbarer Nähe zur größten Produktionsstätte in Deutschland – interne Fortbildungen und externe technische Schulungen für Unternehmen sämtlicher Branchen stattfinden. Bei der Eröffnung des Centers drehte sich alles um das Thema „Smart Energy“. Wir sprachen mit Carlos Haertel, dem Geschäftsführer des europäischen GE Forschungszentrums in München – über den Stand der Smart Energy-Forschung bei GE. Und über die Herausforderungen, denen die Entwicklung „schlauer“ Energiesysteme generell begegnet.

Herr Haertel, vor Kurzem wurde in Berlin das neue Global Technical Learning Center von GE eröffnet. Was verspricht sich der Konzern von dieser Einrichtung?
Es geht uns vor allem um den kontinuierlichen Austausch mit unseren Kunden, die ja die Anwender unserer Produkte sind. Im Global Technical Learning Center möchten wir herausfinden, worin sie ihre größten Herausforderungen sehen und gemeinsame Lösungswege ausloten. Das Global Technical Learning Center soll damit dem Dialog zwischen Kunden und uns als Technologieanbieter Raum geben. Natürlich werden hier auch klassische Kurse und Seminare stattfinden, vor allem auch zur Führungskräfteentwicklung.

Wieso wurde das Global Technical Learning Center gerade jetzt ins Leben gerufen?
Die Anforderungen der Kunden dynamisieren sich. Man kann auch heute noch Standardprodukte verkaufen, in vielen Fällen müssen die Angebote allerdings in einen ganz bestimmten Anwendungszusammenhang eingebettet werden. Denn Kunden sind heute nicht mehr nur auf der Suche nach vorgefertigten Produkten, sondern nach umfassenden und langfristigen Lösungen. Welche die ideale Lösung im Einzelfall ist, ergibt sich häufig erst im Dialog. Dies gilt insbesondere für softwarebasierte Anwendungen.

Und warum fiel die Entscheidung für den Bau des Centers am Standort Berlin?
GE Power Conversion ist mit rund 800 Mitarbeitern einer der größten deutschen GE-Standorte und weltweites Kompetenzzentrum für Frequenzumrichter. Die Nähe zu unseren technischen Experten vor Ort spielte sicherlich die größte Rolle bei der Standortentscheidung. Der GE-Standort in Berlin ist außerdem traditionell ein sehr wichtiger und strategischer Knotenpunkt für das Unternehmen. Hier liegen die Wurzeln unserer 130-jährigen Geschichte im deutschen Markt.

Bei der Eröffnungsveranstaltung des Global Technical Learning Centers Ende September drehte sich alles um das Thema Smart Energy. Mit welchem Fokus forscht GE in diesem Bereich?
Bei diesem Thema sind wir sehr breit aufgestellt. Das geht von der Stromerzeugung über Übertragungs- und Verteilnetze bis hin zum Endverbrauch. Insofern arbeiten wir auch daran, den „Digital Thread“ entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu spinnen. Smartness bedeutet für uns die Vernetzung der einzelnen Komponenten. Geräte werden zum Bestandteil einer vernetzten Umgebung und können miteinander kommunizieren – ein Schritt in Richtung Industrial Internet.

Welches sind die größten Herausforderungen, denen Smart Energy momentan gegenübersteht?
Zum einen ist Smart Energy noch immer nicht die Norm, sondern ein Gebiet, das in ständiger Entwicklung und Veränderung begriffen ist. Bei vielen Kunden steht auch einiges auf dem Spiel. Sie haben komplexe, etablierte Anlagensysteme, Lieferverträge und funktionierende Prozesse. Da ist es nur verständlich, dass sie nicht sofort auf jeden Zug aufspringen. Die Bereitschaft, den Wandel mitzugehen, ist in den verschiedenen Industriezweigen unterschiedlich stark ausgeprägt. In der Automobilindustrie ist man viel offener als beispielsweise in einigen Bereichen des Energiesektors. In erster Linie geht es den Kunden natürlich darum, dass alles auch weiterhin reibungslos funktioniert. Ich glaube, die Begeisterung für das Thema Smart Energy muss zum Teil noch geweckt werden.

Welche weiteren Herausforderungen gibt es?
Es wird in diesem Bereich noch immer sehr viel isoliert gearbeitet. So gibt es Demonstrationsprojekte mit Smart Homes oder Beispiele wie unser Hybridkraftwerk, die zeigen, was heute bereits technologisch möglich ist. Solche Projekte werden aber noch zu selten aufgegriffen und im größeren Maßstab umgesetzt. Im Gegensatz zum Consumer-Bereich, wo wir mit verschiedenen, zum Teil nicht untereinander kompatiblen Systemen parallel arbeiten, erwarten Industriekunden ganz klar, dass am Ende alles interoperabel sein muss. Und natürlich, dass die Lösung, in die sie investieren, am Ende auch dem Industriestandard entspricht und somit langfristig Bestand hat. Diese Punkte berücksichtigen wir bei unseren Lösungen – ebenso wie das wichtige Thema Datensicherheit.

Sind smarte Energiesysteme denn auch stabil?
Das bestehende Energiesystem hat einen vergleichsweise „primitiven“ Aufbau und ist aus sich heraus sehr stabil. Eine inhärente systemische Robustheit wird es in den dezentralen und hybriden Systemen der Zukunft aber kaum mehr geben. Die Stabilität wird stattdessen durch intensiven Informationsaustausch und darauf basierende aktive Eingriffe in den Betrieb des Netzes erreicht. Zusätzlich eröffnet sich bei diesen smarten Systemen ein völlig neues Leistungsspektrum, das die Möglichkeiten traditioneller Energiesysteme bei Weitem übersteigt.

Welche Vorteile sind das konkret?
Intelligente Systeme können das Stromnetz aktiv regeln. Und zwar mit all seinen Komponenten. Heute regelt man ein Kraftwerk zwar auch aktiv, aber die Anlagen können nicht mit dem Netzbetreiber oder den Endabnehmern „kommunizieren“, geschweige denn Prognosen über mögliche Effizienzgewinne oder Wartungsaktivitäten treffen. Der Betrieb ist daher reaktiv. Das heißt, die ergriffenen Maßnahmen werden als Reaktion auf bereits Geschehenes eingeleitet. Unsere Zielsetzung ist es aber, vorherzusehen, was passieren wird, sich darauf vorzubereiten und entsprechend zu handeln.

Gibt es bei GE ein konkretes Anwendungsbeispiel für ein smartes Energiesystem?
Ein ganz aktuelles Beispiel ist unsere „Digital Wind Farm“: In einem Verbund von Windenergiegeneratoren kommunizieren die Anlagen fortlaufend über die richtige Abstimmung der wichtigsten Betriebsparameter wie etwa den Rotorblattwinkel. So lässt sich das Optimum an Energie aus dem zuströmenden Wind herausholen und damit der Gewinn eines Windparkbetreibers steigern. In der Summe werden alle Windturbinen auf diese Weise „smarter“ und wirtschaftlicher. Anhand solcher Projekte kann man die Bedeutung von Smart Energy für Kunden und Betreiber deutlich machen.

Das klingt aber noch sehr nach Testszenarien, oder?
Wir stehen mit den Möglichkeiten von Smart Energy ganz am Anfang. Bis alle Konzepte marktreif sind und sich auch in der Breite durchsetzen, ist es noch ein langer Lernprozess. Nehmen Sie wieder die Digital Wind Farm als Beispiel. Das theoretische Potential lässt sich mit modellhaften Rechnungen schnell abschätzen, aber lässt es sich unter realen Bedingungen auch stichhaltig nachweisen? Die Antwort liefern nur echte Feldversuche, die in diesem Fall sehr erfolgreich verlaufen sind. Solche Erfahrungen nimmt man dann mit und bringt sie in die Lösung der nächsten Herausforderung ein.

Eine stückweise Entwicklung also …
Richtig. Das kontinuierliche Lernen ist ein ganz wesentlicher Teil der Entwicklung in Richtung Smart Energy. In Partnerschaft mit den Anwendern und Kunden werden wir gemeinsam herausfinden, was sich bewährt und was nicht. Das ist ein ganz normaler iterativer Prozess – wie es ihn bei der Umsetzung jeder neuen Technologie gibt. Und einer der Schauplätze dieses gemeinsamen Lern- und Experimentierprozesses wird das Technical Learning Center in Berlin sein.

(Fotos: ©GE)

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